
Seit dreiundzwanzig Tagen hatte Pigúiça ihre Oma nicht mehr gesehen. Sie wusste die Zahl ganz genau, weil sie jeden Morgen einen Strich an die Wand malte. Inzwischen waren es so viele Striche, dass sie aussahen wie ein Gartenzaun.
Oma war eine Husky-Hündin mit schneeweißer Schnauze und wohnte auf der anderen Seite der Berge, in einem Tal, ganz, ganz weit weg. Sie backte die besten Honigkekse von Dogavios und kannte für jede Wolkenart ein eigenes Lied.
An diesem Nachmittag holte Pigúiça ihren Reisepass hervor, das kleine Büchlein mit den Stempeln von der letzten Reise, und blätterte darin. Da war der Stempel von der Brücke, der Stempel vom Fluss und der Stempel von Omas Haus, in Form eines Kekses.
„Ich vermisse sie so“, sagte sie zu Fofuxo, mit ganz kleiner Stimme. „Und Vermissen tut hier drin weh. So wie wenn man Eis zu schnell isst.“
Fofuxo dachte kurz nach. Seine Augen, die eben noch golden waren, wurden dunkelblau, so wie immer, wenn er etwas Wichtiges zu sagen hat. „Komm mit“, sagte er. „Und bring deinen Reisepass mit.“
Die beiden stiegen auf den allerhöchsten Hügel. Von dort oben sah man die Täler, die Flüsse und die Berge, einer hinter dem anderen. Und ganz hinten, winzig klein, stieg ein Rauchfähnchen aus einem Schornstein.
„Ist das vielleicht Omas Haus?“, fragte Pigúiça. „Kann gut sein“, sagte Fofuxo. „Und schau mal den Himmel an. Das ist derselbe Himmel, der gerade über ihrem Haus ist. Vielleicht schaut sie ihn auch gerade an.“
Pigúiça setzte sich und schaute. Der Himmel malte rosarote Wirbel, und eine lächelnde Wolke zog langsam vorbei, genau in Richtung der Berge.
„Wolke!“, rief Pigúiça. „Kommst du an Omas Haus vorbei?“ Die Wolke lächelte noch breiter und nickte, indem sie mit ihren Rändern wackelte.
Da stellte sich Pigúiça hin, holte ganz tief Luft und rief laut: „Oma, ich vermisse dich! Heb mir einen Honigkeks auf!“ Und die Wolke nahm die Botschaft mit, ganz langsam, die Berge hinauf.
Fofuxo schlug im Reisepass eine leere Seite auf. „Diese Seite wartet auf den nächsten Stempel“, sagte er. „Wenn man jemanden vermisst, hält man ihm einen Platz frei, fürs nächste Wiedersehen.“
Zu Hause malte Pigúiça keinen Strich an die Wand. Sie malte ein Bild: sie und Oma beim Honigkekse-Essen, mit einer lächelnden Wolke darüber. Und sie klebte es in den Reisepass, auf die leere Seite.
Als sie sich hinlegte, schaute sie aus dem Fenster. Weit weg, hinter den Bergen, ging Oma vielleicht auch gerade schlafen, schaute in denselben Himmel und hatte einen Honigkeks zur Seite gelegt.
„Gute Nacht, Oma“, flüsterte Pigúiça. Und sie schloss die Augen. Manchmal, wenn man beim Einschlafen an jemanden denkt, den man lieb hat, wird das Vermissen ganz klein und verwandelt sich in einen schönen Traum. Hoffentlich wird deiner heute auch so einer.
